6. Februar 2010

Bye bye my love - A tribute to Tamara Danz (BSEplus reloaded)

Nach den Fragen nach der Entstehung des Namens "BSEplus" habe ich eben mal ein wenig im Archiv gekramt und alte Manuskripte gefunden. Darunter sind einige interessante Texte, aber auch solche, die man (wahrscheinlich) hier nie veröffentlichen könnte. ;-))

Einige Texte werde ich hier aber doch einstellen und habe dazu das Label "BSEplus reloaded" aufgelegt. Dieses Manuskript einer meiner liebsten Sendungen aus dem Jahr 2001 gehört dazu. Die Songs sind hier aus rechtlichen Gründen natürlich nicht eingebaut.


Bye bye my love - A tribute to Tamara Danz

SONG: P.S.

Über vier Jahre ist es nun her, dass ich im vermischten Teil unserer Tageszeitung las, Tamara Danz sei tot. Gestorben mit 43 Jahren, am 24. Juli 1996, an Krebs. Glauben mochte ich das damals nicht, zumal sie den neudeutschen Medien höchstens eine kurze Notiz wert war.

Es wurde der Sommer des Abschieds. Des Abschieds von Menschen, die ich zum Teil persönlich gekannt hatte, und die, spätestens seit den schwebenden Tagen einer sterbenden DDR um 1989, wichtig geworden waren, weil ihre Musik, ihre Worte mir so sehr untermalten, was da so greifbar, doch unbeschreibbar in der Luft schwang: Heiner Müller, Rio Reiser und eben die Frontfrau von "Silly".

Diese Sendung ist ihr gewidmet, a Tribute to Tamara Danz.

SONG: Verlorne Kinder

Über 15 Jahre lang war Tamara Leadsängerin und Projektion von "Silly". Wenn ich hier davon spreche, dass "Silly" eine der populärsten deutschen Rockbands ist, und Sie aus dem Westen kommen und meinen, von der Truppe noch nie etwas gehört zu haben, ist vermutlich der Eiserne Vorhang schuld: "Silly" gehörte östlich dahinter, und Tamara starb genau zu dem Zeitpunkt, als sich die Band anschickte, sich auch außerhalb des deutschen Ostens Popularität zu erarbeiten.

Typisch für Wortkultur in der DDR - sei es Rockmusik, sei es Theater - waren die "Silly"-Texte welche, die man zwischen den Zeilen lesen sollte oder wollte, um darin kritische, ketzerische oder aufrührerische Gedanken zu entdecken. Während in den Jahren vor der "Wende" die meisten Liedtexte in "Silly's" Repertoire von Werner Karma stammten (darunter auch "Bataillon d'Amour"), nahm Tamara mit dem 1993er Album "Hurensöhne" die Feder selbst in die Hand. Eines meiner Lieblingslieder von dieser Platte - eins, wo man zwischen den Zeilen lesen muss - ist "Traumpaar".

SONG: Traumpaar

"Silly" ist ein Mythos. Auf ihre Platten hat man immer gewartet, auf die letzte über zwei Jahre. Dann kam das Album "Paradies" auf dem Markt - eigentlich ein Grund zur Freude. Aber die Plattenpremiere wurde von einem anderen Ereignis überschattet: Tamara Danz, war krank, sehr krank.

Ihr Wunsch war es, die Krankheit für sich zu behalten, sie mit sich auszumachen. Doch Berliner Boulevard-Zeitungen haben schnell öffentlich gemacht, dass Tamara Danz Krebs hatte. Das Orakeln um die Gründe der Tournee-Absage von "Silly" hat somit sein Ende.

Paradies: Nie zuvor war eine "Silly"-Platte so persönlich. Anders als beim vorigen Album "Hurensöhne" standen diesmal nicht globale Themen im Mittelpunkt, sondern private Empfindungen. In den Texten, alle von Tamara Danz, ging es auch um Chaos, Tiefe und Schmerz. Dabei gelang es der Sängerin, die Schattenseiten des Lebens ins Licht zu rücken. In "Flut" (" ... bitte komm Flut/trag mich hier raus ...") zeigte sie, wie eine Katastrophe plötzlich zur Erlösung werden kann. "Asyl im Paradies" - der Song, nach welchem die Platte benannt wurde - erzählt davon, dass es besser sein kann, die Gefahren des Sturms auf sich zu nehmen, als in der Ruhe zu ertrinken. So werden Ungewissheit und Risiko der Gewissheit vorgezogen.

Als Tamara Danz die Texte schrieb, war sie noch gesund. Auch wenn heute einiges so klingt, als hätte sie ihre gefährliche Krankheit erahnt, ist es letztendlich unsinnig, nachträglich jede Interpretation der Texte allein auf ihre Krankheit zu beziehen. Die Aussagekraft von Tamara Danz greift weiter und tiefer.

Worte wie "Bittermandel-Shake" beschreiben den Gefühlsmix, den "Silly" uns serviert. Ein Cocktail, so süß und so herb wie das Leben - mit lang anhaltendem Nachgeschmack. Ein Longdrink an der Plattenbar. Nichts von kurzer Dauer - eben typisch "Silly".

SONG: Flut

Mit "Paradies" produzierte die Band erstmals und auch letztmalig eine CD in vollkommener Eigenregie. Das kreative Trio Danz / Hassbecker / Barton ließ sich auf moderne Elemente ein, ohne dabei einfach nur den formatierten Zeitgeschmack zu bedienen. Die Musiker komponierten, arrangierten, mischten und masterten. Sie stritten um Details, verwarfen, setzten wieder neu an, perfektionierten das anscheinend Fertige und leisteten sich den Luxus, ohne Zeitdruck zu arbeiten. Im bandeigenen "Danzmusik-Studio" entstanden so in zehn Monaten zwölf ausgefeilte Songs. Am Ende erfuhr "Silly" das seltene und große Glück, sich gefunden zu haben - ohne Kompromisse einzugehen.

Die Band klingt wie ein gut funktionierender Organismus: Schlagzeug (Herbert Junck) und Bass (Jäcki Reznicek) pumpen das Blut in die Adern, das Keyboard (Ritchie Barton) atmet in tiefen Zügen. Die Gitarre (Uwe Hassbecker) mit ihren Gefühlswallungen gibt dem Körper die Seele, die starke Stimme Tamara's dem Ganzen das Gesicht.

"Silly" hat sich weiter profiliert, bleibt eine der beachtlichsten deutschen Bands. Tamara Danz gab viel von sich preis. Aber sie ist nicht die "wilde Mathilde", sie ist nicht so schrill und laut, wie der Medienrummel um sie es glauben machen wollte.

Die Plattenproduktion durchzuziehen, trotz des Wissens um ihre Krankheit, hat sie viel Energie gekostet. So lange durchhalten, das konnte sie nur, weil Musik seit Jahrzehnten ihr Leben ausmacht und ihr Ausdauer, Trotz, Lebenskraft gibt. Und weil sie mit ihrem Mann, Uwe Hassbecker, und einem Freund, Ritchie Barton, Menschen um sich hat, die Wärme und Schutz, einen Kokon bedeuten.

SONG: Asyl im Paradies

Es gibt Menschen, die haben etwas, dass sie besonders erscheinen lässt. Manche nennen das Ausstrahlung, andere Glamour oder Charme. All diese Eigenschaften hat Tamara Danz, aber sie sind nicht der einzige Grund, warum die Ostberliner Rocksängerin aus dem Holz war, aus dem Stars geschnitzt werden. Es war ihre Kraft, nicht aufzugeben, weiterzukämpfen, auch wenn alle gegen einen sind. Tamara Danz hat sich immer wieder aus dem Sumpf gezogen, und das Verblüffende ist, dass sie dabei so attraktiv, ja, so hübsch geblieben ist, als wäre nie etwas passiert. Vielleicht wurde sie auch deshalb so häufig die "Tina Turner des Ostens" genannt.

Tamara Danz und ich lernten uns im Studentenclub der Humboldt-Uni in Berlin kennen. Es war ein Jahr vor der Wende, und alles war beinahe noch unpolitisch zu dieser Zeit. Tamara fiel gerne auf. Oft trug sie schickes Schwarz, Hose, Seidenbluse, Weste. Und geschminkt war sie fast immer wie für einen Auftritt. Dazu ihre langen blonden Haare, ihre Mähne, wie sie immer sagte.

Es war ein harter Schlag für sie, dass ausgerechnet der Zusammenbruch dieses Staates, dessen Führung sie so gehasst hat, auch der Beginn einer eigenen Krise war. Dabei schien im Herbst 1989 nach dem Fall der Mauer zunächst alles wunderbar: Auftritte mit Westmusikern wie Wolf Maahn und Weltstars wie Joe Cocker - mit dem durfte sie "With a little help of my friends" singen. Dann kamen Angebote von Plattenfirmen, zum Beispiel von der bekannten Ariola in München. Doch da mussten Tamara Danz und ihre Band "Silly" im Schnellverfahren lernen, wie brutal gerade in der Musikbranche die westdeutschen Marktgesetze sind. "Als erstes haben sie unsere Texte in den Papierkorb geworfen. Was wollt ihr mit dem Zeug, hieß es nur", erzählte sie einmal. Wenn schon deutsch singen, dann bitte in Richtung "Ich liebe dich, ich liebe dich nicht". Ja, hieß es, sie seien eben aus dem Osten und müssten noch viel lernen. Da packten sie ihre Gitarren wieder ein und reisten ab.

SONG: Halloween in Ostberlin

Ein Scherbenhaufen! Keine Plattenfirma. Die Miete von Tamaras Wohnung kletterte von gerade 200 Mark um das Sechsfache auf 1200 Mark. Auch die anderen Kosten galoppierten, der Markt war völlig zusammengebrochen. Und plötzlich wollte selbst im Osten niemand mehr die alten Lieder von "Silly" hören, wo doch jetzt endlich die Bands in die Hallen kamen, die man all die Jahre nicht sehen und nur auf schwarz gehandelten Raubkopien hatte hören können. "Ich verstehe das total", sagte Tamara mal in einem Gespräch, "ich war ja auch scharf auf was Neues, auf neue Musik. Die erste Zeit nach der Wende habe ich nur konsumiert. Mir ist nichts mehr eingefallen, keine Texte, keine Lieder. Ich musste mich ja total umstellen. Es war wie der Beginn eines neuen Lebens."

SONG: Tanzt keiner Boogie

Nur durch einen Zufall gelang damals der Aufstieg in der DDR. Die Band "Familie Silly" jobbte Anfang der achtziger Jahre während des Sommers in einem rumänischen Badeort am Schwarzen Meer, und nach einem der vielen Konzerte fragte sie ein Westberliner Musikagent, der gerade Urlaub machte, ob er eine Platte mit ihnen machen dürfe. "Wir dachten, das ist sicher wieder so ein Sprüchemacher", erzählte Tamara später in einem Interview. Aber der Mann brachte in Westberlin eine "Familie Silly"-LP heraus - und die DDR-Führung wußte erst nicht so recht, was sie jetzt tun sollte. Als sie aber begriff, dass "Silly" möglicherweise Devisen bringen könnte, produzierte auch die staatseigene Plattenfirma schnell eine LP. Nur den Namen "Silly" wollten sie nicht, weil er englisch war. Erst als Tamara ihnen sagte, dass so auch ihre Katze heißt, stimmten sie zu.

So begann die DDR-Erfolgsgeschichte, bis zu 200.000 "Silly"-Platten wurden im Jahr verkauft. Mit Problemen für die Band allerdings: Die Texte mussten durch die Zensur und wurden dadurch "ziemlich lyrisch", wie Tamara es nannte. Meist wurden für ein Album doppelt so viele Songs geschrieben, als dann drauf durften. Und der Staat kassierte sämtliche Einnahmen dafür, sie lebten nur von ihren Auftritten.

SONG: S.O.S.

Zehn Jahre früher wären die Puhdys vielleicht nicht eingeladen gewesen. Die Puhdys hatten sich ja in der DDR schon mal in ein bequemes Rockerveteranen-Dasein verabschiedet, als sich ihre Millionen plötzlich halbierten und das neue Land noch mal ganz andere Möglichkeiten bot. Hätte es also zehn Jahre früher ein Fest der Gruppe "Silly" in Münchehofe gegeben, wären die Puhdys möglicherweise nicht dabeigewesen, weil es ja die Band gerade nicht gab und auch, weil Tamara die Puhdys damals nicht leiden konnte. Aber an einem Mittwoch im Sommer 1998 waren sie dabei.

Alle waren da, als an einem Mittwoch Uwe Haßbecker und Rüdiger Barton von "Silly" ihr neues Tonstudio in Münchehofe einweihten. Die Musiker, die in der DDR zur sogenannten Rocker-Szene zählten, hatten sich bei den "Silly's" im Garten versammelt. Es handelt sich um einen wirklich großen Garten, aber bei 200 Menschen mit Musikern von City, Pankow, Lift, Karat, Puhdys, Stern Meißen, Elektra kann es auch in einem großen Garten eng werden. Eng wie im Dorf, wo die Autos der Gäste bis fast hinunter zur Dorfstraße parkten, obwohl doch das Studio ein gutes Stück weg liegt, auf einem einsamen Gehöft, umgeben nur von Feldern. Beinahe alle waren da, nur Tamara fehlte. Fehlte ungemein.

SONG: Die alten Männer

"Silly's" letztes Album "Paradies" erschien im Frühling 1996.

Nach Tamaras Tod beschloss der Rest der Band, Tamaras Idee einer "Best-Of-Compilation" zu verwirklichen. Es wurden zwei. Die beiden Teile enthalten jeweils einen bis dato unveröffentlichten Titel, Tamaras letzte Aufnahmen "Kinder der Nacht" und "Nr. Sicher".

"Silly", das waren zuletzt Ritchie Barton (Keyboards, Piano, Programmierung, Percussion), Uwe Hassbecker (Gitarren, Synthesizer, Programmierung, Percussion, Violine), Jäcki Reznicek (Baß) und Herbert Junck (Drums, Percussion).

Doch zum Jahreswechsel 2000 zu 2001 schien es, als wolle der Geist von Tamara und "Silly" sich vehement zurückmelden. Und sei es nur in Form einer Coverversion, die uns nun von Joachim Witt vorgetragen wird. Bataillon d'Amour ist in der Geschichte der zweite Titel einer ehemaligen DDR-Band, der von einem Künstler aus dem Westen gecovert wurde. Und wie schon die "Sieben Brücken" von Karat und Peter Maffay ist dieser Song ein großer Erfolg.

SONG: Bataillon d'Amour

Und plötzlich denkt man wieder an Tamara, diese starke Frau, die nicht stark genug war für ihre Krankheit. Die Frau, die sich nie aufgegeben hat, weder vor noch nach der Wende. Tamara, viele von uns ... ich - vermisse Dich!

SONG: So'ne kleine Frau

Hier lassen sich die Textstücke (leider ohne die Songs) in insgesamt drei Teilen anhören:


Listen!
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