15. Februar 2010

Die Entstehung des Universums

Am Beginn von Raum und Zeit war nicht viel. Das wurde dann später Ginnungagap genannt. Es herrschte große Finsternis und Leere, klamme Kälte und schreckliche Hoffnungslosigkeit; aber auch eine wohltuende Stille. Dann trafen aus Süden kommend die feurige Welt Muspelheim mit der aus Norden heranziehenden eisigen Welt Niflheim aufeinander. Aus dieser Begegnung entstand alles Leben, als zwei besonders große Funken auf das Eis krachten und lebendig wurden.

Die Urkuh Audhumbla begann zu muhen und als erster Zweibeiner war der Riese unterwegs. Beide bevölkerten von nun an den tristen Urraum. Als der Kuh schon nach kurzer Zeit nichts sinnvolles mehr einfiel, begann sie am salzigen Eis Niflheims herumzulecken. Dabei legte sie Buri frei, einen weiteren Riesen, der dort im Verborgenen herumlag. Wie er dahin kam, bleibt ungeklärt. Buri gebar den Borr. Wie er das machte, wird uns auch nicht verraten. lernte die Riesin Bestla kennen. Die war die Tochter eines weiteren Riesen namens Bölthorn, der sich von den anderen unbemerkt aus dem Eis geschält hatte.

Ab dieser Stelle wird die Vermehrung nachvollziehbarer, weil wir das erste klassische Paar aus einem männlichen und einem weiblichen Wesen vor Augen haben, das durch ganz normalen Geschlechtsverkehr Kinder bekommt. Nur dass ihre Kinder nicht normal waren, sondern Götter. Odin, Vili und entsprangen dem Schoß der Bestla und wuchsen zu stattlichen Burschen heran.

Indessen vermehrte sich der Urriese Ymir mangels geeigneter Partnerin auf sehr merkwürdige Weise. Das erste Paar Reifriesen erwuchs ihm im Schlaf aus dem Schweiß seiner Achselhöhlen. Durch das Aneinanderreiben seiner Füße entstand ein weiteres Wesen. Hängen wir lieber nicht weiter der Frage nach, wie das Ding wohl ausgesehen haben könnte. Oder wie es roch!

In der Folgezeit vermehrten sich die Riesen rasant, was den drei Brüdern, die als erste Götter durch die morastige Ursuppe wateten, überhaupt nicht gefiel. Folglich erschlugen sie den Ymir. Das war kein leichtes Unterfangen, denn Ymir besaß sechs Köpfe, war ein starker Kerl und ernährte sich sehr gesund von der Milch der Urkuh Audhumbla. Trotzdem hauten ihn Odin und seine Brüder um, warfen ihn mitten ins Ginnungagap und begannen aus seiner Leiche die Welt zu formen, wie wir sie heute teilweise noch kennen. Aus dem Blut und Schweiß Ymirs entstand das Meer (daher der Salzgehalt unserer Weltmeere), aus dem Fleisch die Erde, aus den Knochen die Berge, aus den Kinnbacken die Steine und aus den Haaren Bäume.

Aus der Hirnschale des verendeten Ymir bastelten die drei Götter das Himmelsgewölbe, das von vier Zwergen oben gehalten wird. Deren Namen sind identisch mit den Himmelsrichtungen Osten, Westen, Süden und Norden, weshalb sie auch Austri, Vestri, Sudri und Nordi heißen. Aus des Riesen Gehirn wurden schließlich die dunklen Wolken und aus den Augenbrauen schufen die Götter Midgard, unseren jetzigen Aufenthaltsort. Sie zogen einen Wall darum, der die Menschenwelt vor Riesen, Monstern, Finanzberatern, Zwergen und anderen Unholden schützen soll.

So dienten die Einzelteile des ersten Jagdopfers in der Weltengeschichte einer guten Sache und das Sinnbild vom Vergehen und neuen Werden wurde mit riesigem Inhalt gefüllt. Damit nicht noch mehr Typen wie der Ymir entstehen konnten, warfen die drei Götterbrüder von Stund an die auf Niflheim niederregnenden Funken an das neue Himmelsgewölbe, wo sie als Sterne friedlich blinken und keinen Schaden anrichten können.


Olaf Schulze, "Walkürentritt (Das Lexikon)"

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